Viele Deutsche sagen mir:
„Ich bin seit Jahren in Spanien, aber manches verstehe ich einfach nicht.“
Gespräche laufen anders, Essen hat andere Zeiten, Menschen reden lauter, fluchen mehr – und trotzdem ist alles herzlich gemeint.
In diesem Artikel zeige ich dir Alltagsunterschiede zwischen Spanien und Deutschland, die dir helfen, Spanien besser zu verstehen – und dich sprachlich und kulturell sicherer zu fühlen.
Wenn du das Thema vertiefen willst, habe ich dazu auch ein ausführliches YouTube-Video gemacht, in dem ich 14 typische Kommunikations-Unterschiede erkläre.
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Spanier sind weniger direkt.
In Spanien vermeidet man harte Aussagen. Ein direktes „No me gusta“ klingt schnell unhöflich oder abweisend.
Stattdessen sagen wir oft:
– No me convence.
Das überzeugt mich nicht.– No es de mi estilo.
Das ist nicht mein Geschmack.
– No me termina de gustar.
Das gefällt mir nicht so recht.
Die Bedeutung ist dieselbe, aber der Ton ist weicher. Für Deutsche klingt das oft unehrlich. Für Spanier ist es einfach höflich. -
Das „Nein“, das kein echtes „Nein“ ist.
In Deutschland sagt man klar: Nein.
In Spanien eher:-
Ahora no puedo…
Jetzt kann ich nicht… -
Uf, me viene un poco mal…
Uff, das passt mir gerade nicht so gut… -
Lo veo difícil…
Das wird schwierig.
Das ist ein indirektes Nein.Ich gebe ehrlich zu:
Manchmal mag ich die direkte Art der Deutschen lieber, weil man sofort weiß, was die andere Person von uns erwartet.Aber in Spanien geht es mehr um Beziehung als um Klarheit.
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Besuch zu Hause. Wir zeigen die ganze Wohnung.
Wenn du in Spanien jemanden besuchst, zeigt man dir oft die ganze Wohnung (sogar das Schlafzimmer). Aber: nur beim ersten Besuch. Dann fühlst du dich nicht mehr so verpflichtet, jedes Mal, wenn du Besuch hast, jeden Winkel deines Hauses zu putzen 😛
Das ist unsere Art zu sagen:„Este es mi hogar. Siéntete como en casa.“
Schuhe ausziehen? Nicht unbedingt.
Viele Deutsche sind überrascht, dass man sich in Spanien nicht automatisch die Schuhe auszieht.
Das gilt nicht als unhöflich. Es ist einfach nicht unsere Art.
Aber natürlich gibt es immer Ausnahmen. Wenn es an diesem Tag in Strömen regnet, ziehen die Gäste ihre Schuhe aus, um das ganze Haus nicht zu verschmutzen. Wenn ein Baby krabbelt, ziehen wir Spanier in der Regel auch unsere Schuhe aus.
In meiner Familie tun wir das immer, sowohl bei uns zu Hause als auch bei anderen, vielleicht weil wir uns während unserer sieben Jahre in Deutschland daran gewöhnt haben.
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Getränke anbieten und insistieren.
Kommt ein Gast, bietet man sofort etwas an. Das macht man auch in Deutschland. Aber in Spanien ist es ein etwas anderes „Ritual“.
Denke daran, dass man im Spanischen den Gastgeber „anfitrión“ nennt und „anfitriona“, wenn es eine Frau ist.
Der Gast (el invitado) sagt: „No, gracias.“Und wir antworten trotzdem:
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Venga, que no me cuesta nada.
Komm schon, das macht mir nichts aus. -
Yo me voy a preparar uno. ¿Quieres tú también?
Ich mache mir eins. Willst du auch eins?
Es ist normal, ein paar Mal nachzufragen, denn viele Spanier antworten aus Höflichkeit immer zuerst mit Nein. Das ist Gastfreundschaft, keine Aufdringlichkeit. -
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Geburtstage in Spanien.
In Spanien haben wir als Erwachsene eine Torte mit Zahlen, wir zünden die Kerzen an, wir pusten sie aus und wir wünschen uns etwas.
Aber wir sagen den Wunsch NICHT laut.
Denn: “Si lo dices, no se cumple.”Viele meiner deutschen Schüler sagen immer: “Wir machen das nur bei Kindern!”
In Spanien pusten wir alle die Kerzen aus: meine 94-jährige Großmutter, meine 66-jährige Mutter, meine 3-jährige Tochter und ich, die ich heute, am 21. Dezember, 36 Jahre alt geworden bin.
Im Spanischen sagen wir: Hoy es mi cumpleaños, hoy cumplo 36 años u hoy hago 36 años. NO ES CORRECTO: hoy tengo cumpleaños.
In DIESEM Artikel meines Blogs findest du eine Erklärung zu diesem und anderen Fehlern. Außerdem gibt es einen über 20-seitigen PDF mit Fehlern und deren Erklärungen. -
Komplimente – ein sozialer Gesprächseinstieg.
– “¡Qué piso tan bonito tienes!”
Was für eine schöne Wohnung du hast!
– “¡Qué guapa estás!”
Wie hübsch siehst du aus!
– “Me encanta tu blusa.”
Ich liebe dein Oberteil.Und wir antworten selten direkt “Gracias”. Das ist eine Ausrede, um ein Gespräch zu beginnen. Manchmal spielen wir das Kompliment herunter, indem wir sagen: „Du siehst mich mit wohlwollenden Augen …“ (“Tú que me ves con buenos ojos…” ), „Die Wohnung ist eher klein …“ (“El piso es pequeño…”).
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Bezahlen im Restaurant.
In Spanien sagt oft jemand:
“Hoy pago yo.” “Hoy invito yo” <- Esto entre dos o tres personas si han tomado un café.Das gilt für zwei oder drei Personen, wenn sie nur etwas Kleines konsumiert haben, wie einen Kaffee, ein Erfrischungsgetränk oder ein Bier.
Wenn sie gegessen haben, bezahlt normalerweise einer die Rechnung und danach wird der Betrag zu gleichen Teilen aufgeteilt, um eine Bizum-Überweisung zu machen.Was ist Bizum?
Bizum ist eine sehr verbreitete spanische Funktion im Online-Banking, mit der man sofort Geld an Freunde senden kann –in einer Sekunde und kostenlos.
Meist teilt man die Gesamtsumme durch die Anzahl der Personen, nicht nach Bestellung.
Es geht weniger um genaue Abrechnung und mehr um Gemeinschaft.
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Small Talk, Stimme und Nähe.
Wir sprechen mehr, näher, lauter, spontaner. Es wirkt warm, lebendig und vertraut.
Die Menschen stellen persönliche Fragen.
Ich hatte einen inversen Kulturschock, als ich nach sieben Jahren in Deutschland nach Spanien zurückkehrte (ich werde ein Video darüber drehen, denn als ich 2021 darüber sprach, schrieben mir viele Leute auf Instagram, dass es ihnen genauso ging). Wenige Tage nach meiner Rückkehr aus Deutschland meldete ich mich für einen Pilates-Kurs an, der freitags um 10 Uhr morgens stattfand.
Zu diesem Kurs kamen viele ältere Frauen, und eines Tages sagte der Lehrer: „Meine Damen und Fräulein“, und korrigierte sich dann selbst mit den Worten: „Nun ja, Fräulein nur noch für kurze Zeit, denn ich habe schon deinen Verlobungsring gesehen.“ Und dann fing er an, mir Fragen zu stellen. Ich kannte ihn erst seit zwei Tagen und fand das etwas aufdringlich. Hätte ich nicht in Deutschland gelebt, hätte ich das als normal empfunden.
Deshalb habe ich mich entschlossen, diesen Artikel zu schreiben und dieses Video aufzunehmen. Manchmal ist es schwer, sich an ein zweites Land anzupassen (sogar an sein erstes Land, wenn man zu lange im Ausland gelebt hat). -
Berührungen & Begrüßung (dos besos – zwei Küsse).
Spanier berühren sich beim Sprechen. Zur Begrüßung und Verabschiedung geben wir uns zwei Küsse, auch wenn wir diese Person zum ersten Mal sprechen. Wir beginnen auf der linken Seite und enden auf der rechten Seite. In anderen Ländern ist die Reihenfolge anders, also Vorsicht.
Über diese Art der Begrüßung habe ich vor vier Jahren ein Video aufgenommen: https://www.youtube.com/watch?v=59JNb4dJXp0&t=59s -
Tú (du) statt usted (Sie).
Wir Spanier duzen uns in 90 % der Fälle (das Verb lautet „tutear” oder „tutearse”, wenn es sich um eine gegenseitige Anrede handelt). Nur ältere Menschen oder in formellen Situationen wie in einer Bank, beim Arzt usw. sprechen wir mit „Sie” (usted) an. -
Familie und Krankenhaus.
Wenn ein Angehöriger im Krankenhaus liegt, bekommt man bis zu fünf Tage frei, bezahlt.
Und man kann über Nacht bleiben. Es gibt eine Art Sessel, der nicht sehr bequem ist, aber man hat die Möglichkeit, bei diesem Familienmitglied zu bleiben. Normalerweise teilt man sich das Zimmer mit einer anderen Person, und diese Person kann auch jemanden haben, der in der anderen Ecke übernachtet. -
„No pasa nada“. Der spanische Stresskiller.
Sicherlich hast du diese Sätze schon mehr als einmal gehört:
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No pasa nada.
Das ist schon in Ordnung. -
No te preocupes.
Mach dir keine Sorgen. -
Está bien.
Alles gut. - No hay problema.
Kein Problem. - Sin problemas.
Keine Sorge.
Das ist unsere Art, Situationen zu entschärfen (auch wenn uns diese Situation manchmal stört, aber wir reagieren so aus Höflichkeit und Empathie).
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Lautstärke & öffentlicher Raum.
An Tagen, an denen ich Audioaufnahmen verschicken musste, flüsterte ich fast, was meine Freundinnen überraschte, weil sie nicht verstanden, warum ich im Zug so leise sprach.
Sicherlich ist dir schon aufgefallen, dass Spanien lauter ist als Deutschland. In öffentlichen Verkehrsmitteln ist es lauter als in deutschen Zügen. Als ich in Heidelberg und Mannheim lebte, nutzte ich die Fahrten mit Zug und Straßenbahn zum Lesen, Podcast-Hören, Vorbereiten von Unterricht und Korrigieren von Texten. -
Spanier fluchen viel und meinen es oft NICHT negativ.
Viele Deutsche sind schockiert, wie oft Spanier Schimpfwörter benutzen.
Wörter wie joder, coño, hostia tauchen ständig auf (im Alltag, unter Freunden, sogar im Berufsleben).
Wichtig: Das ist nicht automatisch unhöflich oder aggressiv.
Spanische Schimpfwörter drücken oft Überraschung, Freude, Ärger, Nähe, …
Beispiel:
¡Joder, qué bien te queda esa chaqueta!
= großes Kompliment, kein Fluch.Für Deutsche klingt das hart, für Spanier ist es oft einfach Ausdruck von Emotion.
Schimpfwörter auch im Business? Ja, manchmal.
Auch im Arbeitsumfeld hört man in Spanien informelle Sprache.
Das bedeutet nicht fehlenden Respekt – sondern Nähe.Ein Chef kann sagen:
Esto es un lío, joder
und trotzdem professionell handeln.TROTZDEM würde ich im beruflichen Umfeld sehr vorsichtig mit Schimpfwörtern sein (auf Spanisch sagt man „palabrotas“, „palabras malsonantes“ oder „palabras vulgares“).
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Essen endet in Spanien nicht mit dem letzten Bissen: La sobremesa.
Nach dem Essen beginnt oft ein weiterer, sehr wichtiger Moment: La sobremesa. Man sitzt zusammen, trinkt einen Kaffee und spricht über das Leben.
Man unterhält sich, lacht, diskutiert, etc.
Besonders an Feiertagen
An Tagen wie Heiligabend oder Weihnachten dauert dieser Moment oft mehrere Stunden.
Nach dem Essen:
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trinkt man Kaffee,
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jemand bringt vielleicht einen Likör,
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es werden Gesellschaftsspiele gespielt,
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Gespräche ziehen sich bis spät in den Abend.
Manchmal geht dieser Moment sogar direkt in das Abendessen über.
Eine wichtige spanische kulturelle «Regel»
In Spanien gehört das Gespräch zum Essen dazu.
Wer direkt nach dem Essen aufsteht, wird nicht als unhöflich wahrgenommen, aber oft als jemand, der es eilig hat oder nicht bleiben möchte. Nicht, weil das stimmt, sondern weil die kulturellen Erwartungen unterschiedlich sind.
16. Fünf Mahlzeiten am Tag.
Viele Deutsche glauben, Spanier essen „ständig“.
In Wirklichkeit gibt es:-
El desayuno (desayunar).
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El almuerzo (almorzar).
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La comida (comer). Mittagessen oft ab 14:00 Uhr..
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La merienda (merendar). Gegen 17 Uhr. Die Kinder essen immer ein belegtes Brot oder ein Stück Obst als «merienda».
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La cena (cenar). Abendessen ab 21 Uhr.
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Nicht alle Spanier nehmen diese Mahlzeiten zu sich. Normalerweise essen wir drei Mahlzeiten am Tag (Frühstück, Mittagessen und Abendessen).
Warum essen wir in Spanien so spät zu Mittag oder zu Abend?
Das liegt an den Schul- und Arbeitszeiten. Die Kinder gehen von 9 bis 14 Uhr zur Schule und essen zu dieser Zeit entweder in der Schulkantine oder zu Hause mit ihren Eltern. Es gibt einige wenige Spanier, die um 18 Uhr Feierabend haben, aber viele arbeiten bis 20 oder sogar 21 Uhr (wie mein Physiotherapeut), deshalb wird so spät zu Abend gegessen.
Keine Kultur ist besser. Nur anders.
Wenn du diese kulturellen Unterschiede kennst, verstehst du Spanien besser und kannst dich auch natürlicher besser anpassen. Außerdem nimmst du vieles nicht mehr persönlich.
Und Sprache ist der Schlüssel, um diese Unterschiede zu verstehen – nicht nur grammatikalisch, sondern menschlich.
Wenn du Spanisch nicht nur lernen, sondern verstehen und leben möchtest, dann begleite ich dich gern auf diesem Weg.
Spanischkurs für Personen mit Vorkenntnissen
- Der Kurs „Spanisch leicht und locker“ beginnt am 12.02.26 und es würde mich freuen, wenn du mitmachst
Wenn du dir nicht sicher bist, kannst du sehr gerne ein kostenloses Beratungsgespräch bei mir buchen:
https://calendly.com/your-spanish-window/30min - Der Kurs ist für Personen, die am Anfang A2 Sprachniveau sind und, die endlich Routine, Struktur und Begleitung brauchen und nicht wieder einen „Selbstlern-Kurs“, der auf der Festplatte verstaubt. Wir lernen Grammatik, Vokabeln, Ausdrücke und das Wichtigste: du sprichst endlich auf Spanisch.
- Der Kurs besteht aus 9 Terminen (à 65 Minuten) und ist für 6 Personen, damit ich auf jeden besser eingehen kann. Für mich ist es sehr wichtig. dass alle die Gelegenheit zum Sprechen habt.
Eine Sprache sollte man sprechen, oder? 😉 - HIER hast du mehr Info: https://yourspanishwindow.com/spanischkurs-konversation-vorkenntnisse/